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Tagesspiegel - 04.09.2006
Bernd Matthies


Von Tisch zu Tisch


Aus Leserreaktionen wissen wir, dass mehr noch als elitäre Spitzenspeisestätten in dieser Kolumne vor allem eins gesucht wird: preiswertes, gut gemachtes Essen. Vor allem in Verbindung mit lauschiger Grünlage plus Seeblick. Und große Portionen! Ja, da können wir im Prinzip lange suchen, ohne Ja, aber... geht nichts. Zumal die Auffassungen über das, was preiswert ist, gewaltig auseinander driften. Zaubern kann kein Koch. Wenn er sehr auffällig preisgünstig ist, kann er entweder nicht rechnen, oder er muss Kompromisse eingehen bei Ware und Personal.

Schauen wir mal an den Tegeler See. Dort, am Südende der Greenwichpromenade, gibt es seit einigen Wochen das Fishermans, ein Fischrestaurant, das ich an sich viel zu früh besucht habe. Aber der Sommer geht zu Ende, und es ist im Prinzip das Gesuchte: dicht am Wasser, mit einer schönen Terrasse unter Bäumen - und mit mehr als vernünftigen Preisen. Hauptgänge für maximal 15 Euro, das ist ein Wort, zumal die Karte sich durchaus interessant liest. Die Betreiber dröhnen etwas sehr laut, sie wollten die Gastronomie neu definieren, das kann man getrost überlesen. Ihr Konzept zielt deutlich auf Nachbarn und die eher gesetzten Ausflügler, die Hunger haben, aber keine Lust auf die notorische Dampferfahrtküche. Freischwebende Gourmets werden dennoch eher abwinken, weil der ganze Rahmen sehr schlicht ist, weil die Weinkarte mit einem Blick erfasst werden kann und nicht einmal Vorspeisen ausdrücklich angeboten werden.

Ich empfehle trotzdem, hinzugehen, weil es insgesamt lohnt. Am besten haben mir die Matjesvariationen gefallen, die uns die fürsorgliche Kellnerin als Vorspeise für zwei mit zwei kleinen Tellern offerierte (8,90 Euro). Nun ja: Man hätte das auch allein schaffen können, aber es ließ sich teilen. Ausgezeichneter, sehr mild gesalzener Fisch, leicht und ideenreich als Tatar, mit Schmorgurken, Kartoffeln, Bärlauchschmand angerichtet, recht sahnig, aber nicht schwer. Die rote Johannisbeerrispe obendrauf würde uns als Farbklecks auf sämtlichen folgenden Tellern wiederbegegnen.

Die Stilistik dieser Küche ist recht altbacken, möglicherweise nicht ohne Plan abgestimmt auf die Begierden der potenziellen Kundschaft. Volle Teller! Gebratener Zander mit Spitzkohl, Morchelrahm und gebratenem Parmaschinken plus Kartoffeln für 12,80 Euro, daran muss jegliche Kritik abprallen. Ich brauche so lang gezogene Sahnesaucen nicht und konnte auch nicht erkennen, welchen Zweck der (für Parma) extrem salzige Schinken obenauf erfüllte. Doch das ist natürlich Stilkritik - wer hier hungrig einfällt und das für den Preis bekommt, dürfte zufrieden sein. Der Kompromiss beim Ragout aus Steinbeißer und Garnelen für ebenso knapp kalkulierte 14, 80 Euro bestand darin, dass die Garnelen völlig übergart waren, vermutlich schon übergart eingekauft wurden. Gute Sauce, mit Sesam und Limetten abgeschmeckt und gewürzt, dazu ein Berg Reis mit Wildreis wie einst in den 80er Jahren.

Bei den Desserts wurde es mir dann doch ein wenig zu deutlich. Ich werde nie begreifen, weshalb gelernte Köche so bereitwillig in die Regale der Industrie langen, nur um dann deren standardisierte Marillenknödel, Schokocremes und Sahneeissorten bombastisch auf großen Tellern aufstapeln zu können. Ist es wirklich so viel schwerer und teurer, am Vormittag ein paar originelle Torten zu backen oder ein paar einfache Klassiker zu rühren, Grießflammeri, Pudding, rote Grütze? Dass die Eigenproduktion von Eis wegen der turmhohen Hygieneauflagen kaum noch möglich ist, will ich ja akzeptieren. Alles andere aber nicht.

Wenn Sie jetzt sagen, hey, was regt der sich so auf, das ist doch für nicht mal sechs Euro eine tolle Sache, dann haben Sie vermutlich recht. Aber irgendjemand muss ja den Fundamentalisten geben und ein paar Ideen dazu verbreiten, was sich eventuell auch für wenig Geld besser machen ließe. Meist, so auch hier, liegt der Trick darin, einfach etwas wegzulassen, zum Beispiel die albernen Johannisbeeren. Das kostet nichts, sondern spart zudem.

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